Auf den ersten Blick erscheinen unsere Sinne und die dazugehörigen Organe einigermaßen übersichtlich. Wir hören mit unseren Ohren, riechen mit der Nase, schmecken mit der Zunge, sehen mit den Augen und tasten mit der Haut. Sinnlichkeit ist im Sprachgebrauch oftmals mit erotischer Konnotation besetzt. Es bedeutet jedoch erst mal nur die Empfänglichkeit für die verschiedenen Sinnesempfindungen. Mit Sinnlichkeit verbinden wir meistens eine eher angenehme Empfindung. Sinnlichkeit ist unser Bedürfnis, das Leben zu erfahren, uns selbst zu fühlen und uns als denkendes Wesen zu bewähren.

Riechen Maiglöckchen gut?

Damit sind Sinneswahrnehmungen und auch die Sinnlichkeit eine höchst individuelle Angelegenheit. Was für die eine ein betörender Maiglöckchenduft ist, bringt den anderen olfaktorisch zur Verzweiflung. Was für den einen eine innige Umarmung, ist für die andere schon eine Zumutung. Ein Sternemenü bringt den einen Gaumen in Verzückung, der andere wünscht sich Würstchen mit Kartoffelsalat. Eine wird beim Hören der Bach‘schen Goldbergvariationen in höhere Spähren versetzt, der andere dreht Led Zeppelin auf und gerät in Ekstase beim Headbanging. Manchmal ist es auch umgekehrt oder ganz anders.

Ist der Pulli grün oder gelb?

Für Synästhetiker wird es noch schwieriger: die riechen nämlich ein Bild oder hören eine Farbe, weil sich zwischen den Sinneskanälen oder deren Verarbeitungszentren Überschneidungen ergeben. Um sich größeren Verwirrungen im Austausch mit anderen zu entziehen, ist es gut, zunächst mal die eigenen Sinneswahrnehmungen genauer zu beobachten. Sich und seine Wahrnehmungen ernst zu nehmen und damit auch seine Grenzen wahrzunehmen. Oft passen wir uns ja einfach einer mehrheitlichen, gesellschaftlichen oder familiären Auffassung an, um nicht unangenehm aufzufallen. Oder wundern uns, weil unser Mann immer von seinem grünen Pulli spricht, der doch eindeutig gelb ist.

Der sechste Sinn

Macht das nun Sinn – oder ergibt es einen? Die einen sagen so, die anderen sagen so. So gesehen ist das mit den seit Aristoteles bekannten fünf Sinnen ziemlich tiefgestapelt. Denn immer wieder kommt der sechste Sinn ins Spiel: Wir bemerken Dinge, ohne sie bewusst mit den bekannten Sinnesorganen wahrzunehmen, eher wie eine „außersinnliche Wahrnehmung“. Behauptungen über „echte außersinnliche Wahrnehmung“ konnten evidenzbasiert bisher immer widerlegt werden. Bis ihre Existenz wissenschaftlich bewiesen ist, werden sie gerne in den Bereich der Esoterik eingeordnet.

Im allgemeinen Gebrauch handelt es sich beim „sechsten Sinn“ normalerweise um einen umgangssprachlichen Ausdruck. Es wird in der Regel keine bestimmte Aussage dazu getroffen, wie genau die Wahrnehmung funktioniert hat. Auch wenn sie in der gegebenen Situation nicht offensichtlich zu erklären war, könnte es sich dabei um unbewusste Wahrnehmung mit den normalen Sinnen oder um bloße zufällige Übereinstimmung handeln.

Wissenschaftler von der Washington Universität in St. Louis (USA) konnten mittels Magnetresonanztomographie nachweisen, dass eine bestimmte Hirnregion, der anteriore cinguläre Cortex (ACC), ein Frühwarnsystem darstellt, das bei drohender Gefahr einer Fehlentscheidung aktiv wird. Offensichtlich empfängt diese im Frontallappen liegende Hirnregion Umgebungssignale, die dann unverzüglich auf potentielle Gefahren hin analysiert werden. Sollte eine Situation als „gefährlich“ interpretiert werden, schlägt es sofort Alarm. Damit bekommt das Individuum die Möglichkeit, eine Änderung seines momentanen Verhaltens einzuleiten. Viele Menschen, die auf diese Weise rechtzeitig einer Gefahrensituation entronnen sind, führen dies dann gerne auf ihren „sechsten Sinn“ zurück.

Foto: Musia H. Bus

Holmenkollbakken – mein sechster Sinn hat gesagt: “Spring da nicht runter”

Ist das alles bloß Einbildung?

Der Biologe Rupert Sheldrake beschreibt in seinem Buch “Der siebte Sinn des Menschen” dazu interessante Theorien. Oops, noch ein Sinn mehr! Seine Schlussfolgerung ist, dass Sehen nicht nur in unserem Kopf stattfindet, sondern auch den Weg in die Welt finden kann – dorthin, wo wir etwas sehen. Es reicht nicht, wenn Licht nach innen kommt. Zum Sehen muss auch umgekehrt etwas nach außen laufen. Wer angestarrt wird, spürt diese Ausstrahlung, von der schon Platon spricht. Bei einer Vielzahl von Versuchen dazu, spürte eine deutliche Mehrheit der Probanden die Blicke im Rücken. Zum Buch

Die Sinneslehre Rudolf Steiners

Dem Anthroposophen Rudolf Steiner sind auch sieben Sinne noch zu wenig. Er postulierte in seiner Sinneslehre zwölf Sinne, die er in „mehr physische“ und „mehr geistige“ Sinne unterteilte. Seine Thesen zu Biologie und sonstigen Wissenschaften haben keine wissenschaftliche Basis, sondern wurden von ihm angeblich ‘geschaut’, im Sinne von außersinnlich wahrgenommen. Die Sinneslehre Rudolf Steiners wurde zwischen 1909 und 1921 als Teil der Anthoposophie in Vorträgen und Schriften veröffentlicht. Im Zuge seiner Forschungen ergänzte er die fünf allgemein bekannten um sieben weitere Sinne. Vier davon dienen besonders der haptischen Wahrnehmung und der Oberflächensensibilität, sie werden mittlerweile auch von der Physiologie anerkannt: Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Lebenssinn und Wärmesinn. Darüber hinaus beschreibt Steiner drei Sinne, welche die menschliche Kommunikation ermöglichen: Sprachsinn, Gedankensinn und Ichsinn.

Der Duft der Frangipani

Was und wie wir wahrnehmen, unterliegt also völlig unterschiedlichen Betrachtungen. Beim Ferienseminar „Sinn und Sinnlichkeit“ vom 13. – 16. September am Starnberger See, bieten wir die Gelegenheit im kleinen Kreis unsere Sinne zu schärfen. Im Wasser und an Land, spielerisch und ernsthaft zugleich. Um unsere Wahrnehmung zu erweitern und einer natürlichen Sinnlichkeit Raum zu geben. Dabei gehen wir achtsam und respektvoll mit uns selbst und den anderen um. Es gibt noch ein paar wenige Restplätze – ich freue mich, wenn du mit uns eintauchst.

Seminarinfo

Musia Heike Bus